Pulp Fiction (1994)



Während Reservoir Dogs, sein Debütfilm, eine kurzweilige, unkonventionelle und weitgehend einflussreiche Stilübung war, wurde Pulp Fiction noch mehr als das. Er war transzendent. In ihrer Show forderten Siskel und Ebert, dass Tarantino mit seinen Ideen weiter gehen sollte, als er es bei Reservoir Dogs getan hatte. Und dieser lieferte. Pulp Fiction wurde 1994 in Cannes uraufgeführt und gewann in diesem Jahr die Palme d’Or sowie den Oscar für das beste Originaldrehbuch. Im Gegensatz zu so vielen anderen großen Filmen, wurde Pulp Fiction sofort als genau das erkannt. Vielleicht liegt das daran, dass sein Erfindungsreichtum weitgehend auf Dialogen beruhte. Dialoge sind etwas, das jeder Zuschauer aus seinem Alltag kennt und versteht, während die filmtechnischen Innovationen eines Citizen Kane für das Publikum nicht sofort sichtbar sind. Oder vielleicht ist es die Tatsache, dass Pulp Fiction von Reservoir Dogs vorab angekündigt wurde. Infolgedessen war es Reservoir Dogs, welcher einen gewissen Gegenstand erfuhr, weil er anders war. Oder vielleicht ist es nur so, dass die Innovationen von Tarantino so viel Spaß gemacht haben.

Im Allgemeinen versuchte er, widersprüchliche Emotionen in uns hervorzurufen. Die gängigste Vorgehensweise ist es, einen in Wirklichkeit schrecklichen Zwischenfall in einen irgendwie urkomischen Moment zu verwandeln. Oder umgekehrt, ein harmloses Gespräch aufbauen und in einen Schockmoment umwandeln. Vincent (John Travolta) und Jules (Samuel L. Jackson), zwei Kerle in Anzügen, sprechen lose über Cheeseburger, Fernsehsendungen und Fußmassagen, bevor sie sich als rücksichtslose Gangster entpuppen, auf ihrer Mission, ein paar junge Kerle zu exekutieren. Tarantino schnappt sich alles, was er in Reservoir Dogs gemacht hat, und hebt es eine Stufe höher. Die realistischen, aber übertriebenen Dialoge, die Gewalt, absurder denn je und die Struktur des Films. Während bei Reservoir Dogs die nichtlineare Erzählung in erster Linie dazu diente, wichtige Informationen im idealen Moment zu enthüllen, bringt Pulp Fiction dies auf die nächste Ebene. Die Geschehnisse werden in die Reihenfolge gebracht, welche aus dramatischer und narrativer Sicht am sinnvollsten ist und welche die größte Wirkung erzielt. Wenn die Anordnung anders gewesen wäre, hätte die emotionale Wirkung ganz anders ausgesehen. Wir enden am Anfang, was chronologisch gesehen weder am Anfang noch am Ende steht. Der Betrachter muss das chronologische Rätsel selbst zusammenstellen.

Also, worum geht es eigentlich bei Pulp Fiction? Der Titel bezieht sich auf die billigen und hartgesottenen Krimis, die in so genannten Pulp-Magazinen veröffentlicht wurden. Als solches ist der Film ein Geflecht aus ineinandergreifenden Geschichten aus dem Mafialeben, die weitgehend den Erlebnissen der Killer Vincent Vega und Jules Winnfield folgen. Jules ist ein knallharter „Motherfucker“, der eine Erleuchtung erlebt. Vincent ist der lässige Kerl, der gleichzeitig dazu bestimmt zu sein scheint, es zu vergeigen. Er kann nicht mal auf die Toilette gehen, ohne dass die Sache ausartet. Der Film ist eine schräge Mischung aus schwarzer Komödie und Neo-Noir. Und es liefert einige der denkwürdigsten Szenen der Filmgeschichte: Vincent beschreibt Jules die Unterschiede im Fast Food zwischen Amerika und Europa. Christopher Walken zeigt die Reise des goldenen Wassers, den Twist-Wettbewerb und das Flirten zwischen Mia Wallace (Uma Thurman) und Vincent. Die Überdosisbehandlung. Mr. Wolfs Auftritt. Bruce Willis‘ Taxifahrt. Und noch mehr…

Pulp Fiction ist vielleicht der einflussreichste Film der letzten 30 Jahre. Die bewusst coolen Charaktere, die popkulturellen Referenzen und der witzelnde Off-Topic-Dialog haben ihren Weg in den Mainstream gefunden und sind das, was die Kids sehen wollen. Das Problem ist das gleiche wie bei anderen einflussreichen Klassikern wie King Kong (1933), Jaws (1975) und Star Wars (1977). Während die Originale von hoher Qualität sein mögen, sind es viele der Nachahmer nicht. Und in seinem eigenen Fachgebiet kann es niemand so gut wie Tarantino.


Regie: Quentin Tarantino
Besetzung: John Travolta, Samuel L. Jackson, Uma Thurman, Harvey Keitel, Tim Roth, Bruce Willis
Genre: Krimi, Drama
Freigabe: 16
Laufzeit: 154 min.
Veröffentlicht: 21.05.1994 (in Cannes)
Drehbuch: Quentin Tarantino
Schnitt: Sally Menke
Cinematographie: Andrzej Sekula
Budget: $8 – 8,5 Mio.

Gewinner der Goldenen Palme 1994